Yoga Sutras von Patanjali

Die Yoga-Sutras von Patanjali

Die Yoga Sutras von Patanjali sind ein systematisches Handbuch für Yoga als Bewusstseinsweg. Sie ordnen Körper, Atem, Geist und Bewusstsein in einem klaren Rahmen und beschreiben, wie der Mensch zur inneren Freiheit gelangt.

Die Yoga-Sutren gelten als eines der zentralen Werke des Yoga. Sie wurden vermutlich zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 4. Jahrhundert n. Chr. verfasst und sind bis heute eine der präzisesten Zusammenfassungen dessen, was Yoga im Kern bedeutet.

Patanjali hat nicht „Übungen“ beschrieben, sondern ein komplettes System der Selbsterkenntnis – in 195 sehr kurzen Sätzen, den sogenannten Sutras.

 

Diese Form war typisch für die damalige Zeit: extrem verdichtet, wie ein Knoten oder eine Perle auf einem Faden. Ein Sutra ist nie ein vollständiger Text. Es ist ein Hinweis, ein Kondensat, das traditionell durch Lehrer:innen mündlich erklärt wurde. Patanjali schrieb also kein Handbuch, sondern eine Landkarte des menschlichen Geistes.

Zentrale Aussagen

  • Yoga als „Zur-Ruhe-Kommen“ des Geistes
    Das berühmte erste Sutra „Yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ“ definiert Yoga als Zur-Ruhe-Kommen der Gedankenbewegungen.
    Es geht darum, den unruhigen Geist zu beobachten, auszurichten und schrittweise zur Stille zu führen.
    Die Sutras betonen, dass äußere Formen – Asanas – nur ein Mittel, nicht das Ziel sind.
  • Mentale Hindernisse auf dem Übungsweg
    Die Sutras beschreiben die 9 Hindernisse auf dem Weg zur Freiheit und die Gegenmittel zu den Hindernissen und die 5 Leiden und die Freiheit vom Leiden.
  • Ashtanga Yoga – der achtgliedrige Pfad
    Patanjali beschreibt den Yogaweg in acht Stufen (Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana, Samadhi), die systematisch aufeinander aufbauen:
    • Yama & Niyama: ethische Richtlinien, die den Geist stabilisieren.
    • Asana & Pranayama: Körperhaltungen und Atemübungen, die zur Kontrolle der Lebensenergie führen.
    • Pratyahara, Dharana, Dhyana: Zurückziehen der Sinne, Konzentration und Meditation.
    • Samadhi: Zustand tiefer Einheit und Bewusstheit.
  • Citta, Vrittis und Klarheit
    Patanjali untersucht die Funktionsweise des Geistes: Gedanken, Gefühle, Vorstellungen. Diese geistigen Bewegungen (Vrittis) verursachen Unruhe und Leid. Yoga zielt darauf ab, sie zu erkennen und zu transformieren.
  • Karma, Ishvara und Befreiung
    Ein zentraler Aspekt ist die Ausrichtung auf ein höheres Bewusstsein (Ishvara), das als reine, unveränderliche Quelle von Klarheit und Kraft verstanden wird.
  • Samadhi bedeutet die direkte Erfahrung dieser unveränderlichen Wirklichkeit – Kaivalya – Befreiung von Leid und Identifikation mit dem Ego.

Vertiefende Bedeutung für die Praxis

  • Die Sutras sind praxisorientiert, nicht theoretisch.
  • Jede Technik – Asana, Atem, Meditation – wird als Mittel zur Beruhigung der Gedanken gesehen.
  • Es wird klar: Yoga ist ein innerer Weg, der auch, aber nicht nur auf körperlicher Ebene wirkt.
  • Meditation und Selbstbeobachtung sind Schlüssel für die Transformation: Yoga wirkt langfristig und verändert den Körper, die Stimmung und die geistige Ausrichtung.

Ein Workshop zur Anwendung der Sutren

„Asanas & Sutras“, mehr Informationen findest du hier.

Übersicht über die 4 Kapitel

Der Aufbau der Sutren – vier Kapitel, vier Zugänge, manche sagen auch für vier verschiedene Schülertypen geeignete Kapitel zum gleichen Ziel.

Das heißt, Patanjali gliedert seine Lehre in vier Kapitel, die jeweils einen eigenen Zugang zum Yoga darstellen.

 

1. Samadhi Pada – der Zustand des Geistes in Klarheit

Im ersten Kapitel beschreibt Patanjali, was Yoga eigentlich ist:

Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der mentalen Bewegungen.

Er erklärt, dass unser Geist fast ununterbrochen in Bewegung ist – durch Gedanken, Erinnerungen, Bewertungen, Wünsche und Ängste.

Samadhi ist der Zustand, in dem dieser permanente Strom zur Ruhe kommt und wir die Wirklichkeit klar sehen können.

 

2. Sadhana Pada – der Weg der Praxis

Das zweite Kapitel beschreibt die konkrete Praxis.

Hier erscheinen die berühmten acht Glieder des Yoga (Ashtanga):

  1. Yama (ethische Prinzipien)
  2. Niyama (innere Haltung, Disziplin)
  3. Asana (Haltung des Körpers)
  4. Pranayama (Atemübung)
  5. Pratyahara (Zurückziehen der Sinne)
  6. Dharana (Konzentration)
  7. Dhyana (Meditation)
  8. Samadhi (Verschmelzung | Einssein | Erleuchtung)

Diese acht Glieder bilden kein starres Treppensystem, sondern sind Aspekte desselben inneren Weges.

Bemerkenswert ist: Asana taucht nur in einem einzigen Sutra auf – und bedeutet dort nicht eine Körperhaltung, sondern die Fähigkeit, stabil und leicht zu sitzen. Der Fokus liegt klar auf Geist, Atem und Haltung, nicht auf Akrobatik.

3. Vibhuti Pada – die Fähigkeiten, die aus Übung entstehen können

Patanjali beschreibt hier besondere Fähigkeiten, die sich aus tiefer Praxis ergeben können.

Er meint damit keine Magie, sondern Zustände erhöhter Wahrnehmung, Konzentration und Präsenz.

Dieses Kapitel wird oft falsch verstanden. Sein Zweck ist nicht, außergewöhnliche Kräfte anzustreben, sondern zu erklären, dass der Geist in tiefer Praxis erstaunlich klar werden kann – und dass man sich davon nicht ablenken lassen sollte.

 

4. Kaivalya Pada – Freiheit und Unabhängigkeit des Geistes

Das letzte Kapitel beschreibt das Ziel des Yoga: die Freiheit des Bewusstseins.

Kaivalya bedeutet, die Welt nicht mehr durch die Filter der eigenen Muster zu sehen, sondern direkt, unverfälscht und frei.

Es geht darum, die Identifikation mit Gedankenströmen zu lösen und den Geist in seiner ursprünglichen Klarheit zu erkennen.

Patanjali ist nicht spirituell im modernen Sinne, sondern psychologisch erstaunlich präzise.

Er beschreibt, wie der Geist sich selbst verstrickt:

  • durch Anhaftung
  • durch Ablehnung
  • durch Angst
  • durch Identifikation
  • durch Gewohnheiten

und wie diese Muster zu Leid führen.

 Seine Lösung ist keine moralische Anweisung, sondern eine Schulung der Wahrnehmung.

Yoga ist für Patanjali nicht etwas, das man „macht“, sondern ein Zustand, der entsteht, wenn wir erkennen, wie unser Geist arbeitet.

Die fünf Vrittis – Bewegungen des Geistes

Eine der prägnantesten Stellen der Sutren ist die Beschreibung der mentalen Bewegungen:

  1. richtiges Wissen
  2. falsches Wissen
  3. Vorstellung / Fantasie
  4. Schlaf
  5. Erinnerung

Diese Bewegungen sind nicht „falsch“. Sie sind die Art, wie unser Geist funktioniert.

Problematisch werden sie nur, wenn wir uns vollständig mit ihnen identifizieren.

Warum die Sutren bis heute relevant sind

Viele Menschen erleben heute genau das, was Patanjali beschreibt:
einen Geist, der übervoll ist, ruhelos, getrieben, ständig reaktiv.

Die Sutren bieten keine „Technik“, sondern einen Weg, diesen Geist zu beruhigen, ohne ihn zu bekämpfen.

Sie sind relevant, weil sie erklären:

  • wie Stress entsteht
  • warum wir uns selbst im Weg stehen
  • wie wir über den Atem Einfluss auf den Geist nehmen
  • warum Wiederholung wichtig ist
  • warum Disziplin nichts mit Härte zu tun hat
  • wie Konzentration entsteht
  • wie Freiheit im Kopf spürbar werden kann

Die Sutren beschreiben damit keine Religion, sondern ein Modell menschlicher Erfahrung.

Patanjalis Blick auf Praxis – realistisch, nicht idealisiert

 Patanjali betont, dass Fortschritt entsteht durch:

  • Sthira – Beständigkeit
  • Sukha – Leichtigkeit
  • Abhyasa – Übung
  • Vairagya – Loslassen

Nicht durch Perfektion.

Er warnt sogar ausdrücklich davor, schnelle Resultate zu erwarten oder die Praxis mit Ego zu verbinden.

Der Weg ist langsam, unspektakulär und dennoch tief transformierend.

Die Verbindung zu physischem Yoga

Obwohl Patanjali selbst Asana kaum erwähnt, ist seine Philosophie die Grundlage aller modernen Yogastile, inklusive Ashtanga.

Ashtanga greift den Kern der Sutren auf, indem es:

  • den Atem strukturiert
  • eine klare Abfolge schafft
  • Konzentration entwickelt
  • Routinen festigt
  • den Geist beruhigt

 Jede Haltung ist weniger ein „Workout“ als eine Möglichkeit, die Aufmerksamkeit zu schulen – genau das, was Patanjali beschreibt.

Warum die Sutren eine Lebenspraxis sind

Die Sutren sind eine Lebenspraxis – kein Text zum einmal Lesen.

Die Yoga-Sutren sind nicht dazu gedacht, intellektuell verstanden zu werden.

Sie wirken erst in der Wiederholung, in der Stille, im Atem, in der Anwendung auf den eigenen Alltag.

Man kann sie lesen, verstehen, verwerfen, zurückkehren – und jedes Mal wirken sie anders, weil der eigene Geist anders ist.

Sie sind wie ein Spiegel:

Sie zeigen nicht, was du sehen willst, sondern was du sehen musst, um frei zu werden.

Literatur

Wenn du dich ein wenig tiefer mit den Yoga-Sutras beschäftigen möchtest, wirst du auf eine Fülle an Literatur stoßen.

Hier sind meine 5 Favoriten: