“Da hat der Heidegger wieder mal Recht”*

„Wenn ich recht verstehe, so ist es das, was ich in all meinen Schriften zu sagen versuchte.“
Diese Zeilen schreibt Martin Heidegger in einem Brief an den östlichen Gelehrten Suzuki. 1946 trifft sich der Philosoph auf seiner Hütte in Todtnauberg mit Paul Shi-Yi Hsiao, um ein gemeinsames Projekt in Angriff zu nehmen: die Übertragung der Lehrsätze des Laotse ins Deutsche (Abgeschlossen haben sie diese Arbeit nie. Hsiao äußert sich später wie folgt über diese Begegnungen: „Durch die gründliche Gangart des Heideggerschen Denkens hatten wir am Ende des Sommers 1946 von den 81 erst 8 Sprüche bearbeitet. In etwa zehn Jahren wären wir vermutlich fertig geworden, vielleicht auch etwas früher, denn andere Kapitel sind nicht so verhüllt“).
Was sind nun die Bezugspunkte zwischen dem östlichen und dem Heideggerschen Denken, die den Philosophen zu dem oben zitierten Satz, dem Altmeister Suzuki gegenüber, anregten?
Um eine hinreichend verständliche Antwort hierauf liefern zu können, scheint es zunächst erforderlich, die Erklärung einer grundlegenden Unterscheidung Heideggers voranzustellen: nämlich die zwischen Sein und Seiendem.
Das Seiende ist das Alltägliche, das uns Umgebende; das Sein hingegen ist das Eigentliche. Für uns Menschen, als Da-seiende ist das eigentliche Sein nach Heidegger stets aus dem Seienden her zu verstehen.
Heidegger sieht die Frage nach dem Sein untrennbar verwoben mit der Frage nach der Zeit, die er unterscheidet in die ‚gestundete’, d. h. die zählbare, verdinglichte Zeit gegenüber der eigentlichen Zeit als Horizont jedes möglichen Seinsverständnisses; diese ist die Zeit selbst, die der zählbaren Zeit vorausgeht. Sein ist laut Heidegger dementsprechend immer zeitlich. Das Sein und die Zeit (im Folgenden meine ich mit Zeit - Heidegger folgend - immer die eigentliche Zeit) sind keine Dinge, keine Sachen, es gibt weder ein objektives Sein, noch eine objektive Zeit. Sie entziehen sich der Vergegenständlichung zugunsten des Seins als Seinedem – Heidegger spricht hier von der Verbergung des Seins und der Zeit. Sein und Zeit können also nicht dingfest gemacht werden. Heidegger kritisiert mit diesem Seinsverständnis jenes der abendländisch-euröpäischen Denk-Traditionen, die Sein immer nur als Seiendes verhandelt hätten; als solches kann es als mögliches Objekt von Wissenschaft auftreten – es ist im eigentlichen Sinne des Wortes ‚begrifflich’. Sein kann jedoch nach Heidegger nur erfahren und nicht ‚begriffen’ werden. An diesem Punkt ist es nun möglich eine Parallele zum Zen zu ziehen. Der Modus nämlich, in dem das Sein erfahren werden kann, ist dem der Meditation vergleichbar.
Durch Meditation (der passende Heideggersche Terminus wäre hier: das ‚andenkende Denken’) öffnen wir uns über die Grenzen unseres bisherigen Wissens bzw. unserer Bildung hinaus. Wir erfahren die Zeit in ihrer vollen Gegenwart und uns in ihr als Möglichkeit. Die Wahrheit des Seins liegt für Heidegger im ‚unverfügbaren Ereignis’. Das ”Ereignis’ im Heideggerschen Sinne lässt sich gewissermaßen mit dem Tao gleichsetzen: leer, unverfügbar, flüchtig, ist es letztlich der Grund für alles Seiende. In der Begegnung mit diesem Tao/Ereignis eröffnet sich für uns eine neue Sphäre: „Das Rad von dem Nietzsche sprach, dreht sich für den Zen-Schüler nicht mehr und gibt jetzt den Blick frei in das, was ist. Von jetzt ab ist er der, der er ist in-der-Welt der grenzenlosen Stille, - er ist nur da: reines Da-sein, sich selbst verborgen in seinem Bezug zum Unverborgenen, d. i. der Wahrheit des Seins selbst“ (Hans-Peter Hempel, „Heidegger und Zen“, Frankfurt am Main 1987, S. 182.)

„Eine Tempelfahne flatterte im Wind. Zwei Mönche diskutierten darüber. Der eine sagte, die Fahne bewege sich; der andere meinte, der Wind wehe. Sie diskutierten hin und her und konnten sich nicht einigen. Der sechste Patriarch sagte: „Weder der Wind noch die Fahne bewegt sich. Es ist euer Geist, der sich bewegt. Die beiden Mönche waren vor Ehrfurcht ergriffen.“**
In der eigentlichen Wirklichkeit herrscht der Stillstand, sie wird im ‚unverfügbaren Ereignis’ greifbar, jedoch nicht be-greifbar.

Man sollte nicht von einer Identität zwischen der Heideggerschen Philosophie und dem Zen, reden, sondern– so fordert es Hempel in seiner Monographie „Heidegger und Zen“ – in der Vergleichbarkeit eine Chance fürs Gespräch zwischen dem östlichen und dem westlichen Denken erkennen und nutzen.

* Um Näheres zu dem Titel dieses Eintrages zu erfahren, siehe: http://www.pigor.de/getCmsData.php?id=115&category=hoeren
**Zitiert nach: Zenkei Shibayama, Zu den Quellen des Zen. Die berühmten Koans des Meister Mumon aus dem 13. Jahrhundert, München 1976, S.257.

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